Charité experimentiert mit gläserner Geburt
Es war eine Weltprämiere in der Berliner Charité: Erstmals wurde diese Woche eine Geburt komplett im Kernspintomographen (MRT) durchgeführt. Unter den Augen eines riesigen Ärzteteams konnte jede Regung, jede Drehung des Kindes während der Geburt aufgezeichnet werden. Doch wem nützen diese Bilder – und können sie dem Kind schaden?
Es war sicherlich keine gewöhnliche Geburt – statt der üblichen Hebamme, dem Geburtstarzt und vielleicht dem Kindsvater standen hier außerdem Radiologen, Ingenieure und andere an dem Projekt beteiligte Schaulustige mit im Kreißsaal. Sie alle warteten gespannt auf die erste gläserne Geburt der Welt. Sie verfolgte, wie sich das Kind im Mutterleib drehte, wie es sich während der Wehen bewegte und schließlich seinen Kopf durch den Geburtskanal quetschte.
Zwei Jahre lang warteten die Zuschauer auf diesen Tag, denn zunächst mussten MRT und Überwachungsgeräte so angepasst werden, dass beispielsweise die Herztöne des Kindes trotz des MRTs beobachtet werden können. Auflage der Ethikkommission war dennoch – um Risiken zu vermeiden -, dass die Schwangere nicht zum ersten Mal entbindet. Auch der Lärm des Gerätes musste bedacht werden, darum gab es Gehörschutz für die Mutter und eine sofortige Abschaltung des MRT, sobald die Fruchtblase dem Neugeborenen nicht mehr als Schallschutz diente.
Doch wozu das alles? Ziel der Wissenschaftler war laut eigenen Angaben die Erforschung des Geburtsvorgangs, um beispielsweise Geburtsstillstände künftig verhindern zu können. Geburtsmediziner Christian Bamberg schwärmte in einem Interview: „Beeindruckend war auch, wie sich der Kopf während der Geburt verformt, weil die Schädelnähte ja noch ganz weich sind.“ Für diese Beobachtungen musste die freiwillige Frau allerdings die Enge im MRT hinnehmen. Hinzu kommen die fraglichen Auswirkungen, die ein so starkes Magnetfeld auf einen Säugling haben kann – auch wenn hier keine als schädlich bekannte Strahlung zum Einsatz kommt. Trotz dieser Zweifel sollen weitere fünf gläserne Geburten folgen. Ob dieses Projekt wirklich medizinisch gerechtfertigt ist – was meint ihr? Wir wünschen jedenfalls den Familien alles erdenklich Gute.
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Archivbeitrag aus dem Jahr 2010. Einzelne Angaben können veraltet sein; aktuelle Ratgeber finden sich in der Ratgeber-Übersicht.


